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Ulrike Möhle  – Plastik als Prozess

von Rainer Beßling zur Kulturpreisverleihung des Landkreises Diepholz 2012

Es beginnt mit einem archaischen Motiv. Ulrike Möhle knüpft in einem frühen Werk an eine große Erzählung an: „Odyssee“ nennt die Künstlerin eine Arbeit aus dem Jahr 1994. Die kompakte plastische Form gleicht einem flachen Bootsrumpf. Schnitte lassen den Aufbau aus Einzelelementen erkennen. Sattes Blau, vielleicht ein Anklang an Meer und mediterranen Himmel, ist in das Material eingearbeitet. Begleitet wird das Blau von einem wolkigen Weiß. Die Farbigkeit der Außenhaut führt in das Innere der Terrakotta-Plastik und setzt sich dort fort.

Aufgeklappt zeigt der Körper ein eigenständiges Innenleben aus Linien- und Farbverläufen. Die Plastik ist erkennbar zusammengefügt und sie lässt sich aufklappen. Außen und Innen geben sich als eigene Welten zu erkennen, die miteinander korrespondieren. Wer die Brücke zur Odyssee des Homer weiterführen möchte, könnte an Irrfahrt und Stranden erinnert werden. Vielleicht aber auch an eine Entdeckungsreise mit zahlreichen Überraschungen, an die Begegnung mit Orten, die ein Geheimnis bergen. Ganz ähnlich sind die Erlebnisse, die in der Begegnung mit Ulrike Möhles Arbeiten auf den Betrachter warten.

Bereits als Meisterschülerin von Fritz Vehring an der Bremer Hochschule für Künste hat die nun in Okel lebende Künstlerin das Grundkonzept gefunden, das sie in verschiedenen Werkphasen entfaltet und auf eine formale Konzentration hin entwickelt. Schnittstellen deuten schon in den ersten Arbeiten auf einen zusammengesetzten plastischen Körper hin und verweisen auf die Möglichkeit der  Öffnung. In einer Werkgruppe aus der Mitte der 90er Jahre mit dem Titel „Früchte“ ist der Bezug zur organisch gewachsenen Form noch deutlich erkennbar. Die Gegenüberstellung von Hülle und Kern, mit farbigen Kontrasten offensiv fokussiert und durch raumgreifende Reihung verstärkt, knüpft an Naturphänomene an. Die weichen pflanzlichen Formen thematisieren Keimen und Wachstum in geschützter Ummantelung. Kubische Formen, die sich gleichfalls von Beginn an in Ulrike Möhles Werk finden, können in ähnlicher Weise als Chiffren für Behausung gelesen werden. Ob als konkrete Gebäude oder als Symbole für einen behütenden Lebensraum, das mag dem Betrachter überlassen bleiben.

Mit den anfangs noch deutlicheren gegenständlichen Bezügen verbindet sich aber auch schon die Möglichkeit einer abstrakteren Lesart. Die ganze Form gibt sich als Synthese aus verschiedenen Teilen zu erkennen, die unterschiedlich beschaffen sind. Eine häufig in ruhigem harmonischem Gleichmaß gebogene Hülle birgt nicht selten ein konstruiertes, eckig-kantiges Innenleben, ein komplexes Steckspiel, das sich unter der nach außen hin geschlossen wirkenden Oberfläche verbirgt.

Geschlossenheit, so ließe sich eine Erkenntnis ableiten, die auf Gedankengebäude wie auch auf Lebenswelten übertragbar ist, resultiert aus einer Korrespondenz von einzelnen Elementen. Die zusammengefügte Form verweist auf den Prozess des Teilens ebenso wie auf den des Verbindens. Die Passstellen, die als regelhaftes grafisches Ereignis auf der Hülle liegen, offenbaren nicht unbedingt das System im Innern, die äußeren Schnitte decken sich häufig nicht mit den inneren Verbindungsstrukturen. Die Farbigkeit der Innenseiten ist an den Schnittstellen ablesbar und lenkt die Aufmerksamkeit in das Innere. Dort warten allerdings manche farbliche Überraschungen auf den Betrachter.

Das Teilen und Öffnen der Formen lässt sich als klassisches analytisches Vorgehen verstehen, mit der wir der Wirklichkeit begegnen oder vielleicht eher begegnen sollten. Ulrike Möhles künstlerische Strategie, einen verborgenen Raum im plastischen Volumen mit zu formen, spiegelt einen Impuls und ein Bedürfnis wider, den Dingen auf den Grund gehen, den Kern der Dinge zu erkennen und damit ihr Wesen zu erschließen. Die Form zeigt sich als Formung und lädt dadurch ein, ihre Entstehung in den Blick zu nehmen und somit hinter die äußere Erscheinung zu schauen. Im Wort „entdecken“ verbirgt sich anschaulich das Vorgehen, dem inneren Zusammenhalt der Dinge auf die Spur zu kommen. Ent-decken, das heißt eine verbergende Hülle zu lösen, gleich, ob es sich wie in einer archäologischen Operation um Relikte handelt, um den Kern von Konventionen, um Zeichen in der Kommunikation oder um verdeckte, verschleierte Gedanken, die mit der entsprechend passgenauen Reflexion auszulösen sind.

Durch Abstraktion und Strenge lenkt die Künstlerin die Aufmerksamkeit ganz auf das Formgeschehen. Die gedanklichen Impulse, die in die Plastiken eingegangen sind, die gedanklichen Implikationen, die sie mit sich tragen, sind damit nicht ausgeblendet, sondern werden vielmehr geschärft. Reduktion der Form erweitert die Assoziationsräume. Verdichtung der Plastik schlägt sich in einer konzentrierten Betrachtung nieder. Angesichts dieser Werke, die Unwesentliches ausblenden, klären sich Wahrnehmung und Denken. Was vielleicht nicht gleich erkennbar, aber doch spürbar ist: Die Herstellung der keramischen Arbeiten, die ein passgenaues Öffnen und Schließen ermöglichen, ist technisch anspruchsvoll, da ein mögliches Schrumpfen oder Verziehen beim Brennvorgang mit einberechnet werden muss.

Einfühlung und Sinnenschärfe gehen bei aller Rationalität und Reduktion keineswegs verloren. Das Anrührende, das in manchen Anklängen an Naturphänomene oder archaische Lebensformen steckt, die Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen hält Ulrike Möhle allerdings durch Abstraktion und Formstrenge in Schach. Die Empathie für Naturphänomene, die sich insbesondere im frühen Werk im Material, in geschwungenen Formen, in einer sensiblen Farbgebung ausdrückt, kippt durch einen wohl austarierten Pendelschlag von Nähe und Distanz nie in einen Zeigegestus oder gar Appell um.

Ein Zeitsprung: Den Impuls für die jüngsten Werke der Bildhauerin geben erneut Schiffe. Diesmal sind es Container, nicht um eine Fernreise mit überraschenden Landgängen geht es hier, sondern um Logistik, um rationales Kalkül und optimale Raumausnutzung. Die Künstlerin interessiert allerdings nicht das Abbild heutiger Riesenfrachter, vielmehr schließt sie mit ihren Plastiken an deren Strukturen an. Das Stapeln von Modulen, der Blick auf Hüllen, die ihren Inhalt verbergen, auf ein komplexes Gefüge, auf Schweres, das zu schweben scheint, liegen im Fokus. So verbindet sich das Interesse an komplexen Systemen, die unsere Lebenswelt immer mehr bestimmen, mit formalem bildhauerischen Erwägungen.

Mit Beton und Keramik treffen bei den neueren Arbeiten zwei Werkstoffe mit höchst unterschiedlichen Eigenschaften aufeinander. Zeigt sich der massiv und zugleich hohl aufgebaute Beton mit rauer Oberfläche und leicht bröckelnden Kanten, weist der keramische Körper eine glattere Haut und exakte Linien auf.

Das schon im Material angelegte dialogische Gestaltungsprinzip setzt sich weiter fort. Im Vergleich zu früheren Arbeiten betont Ulrike Möhle aktuell noch stärker die Fugen und Leerstellen der plastischen Komposition in einem offenen Dialog zwischen Hülle und Kern. Anfangs fügten sich die Teile zu mehr oder weniger kompakten Körpern zusammen. Nun bilden die Elemente eine Konstruktion, die keine geschlossenen Linien und Flächen mehr aufweist. Zwischenräume und Überstände kennzeichnen das plastische Erscheinungsbild. Jedes einzelne Element behauptet dabei noch prägnanter seine eigene Form. Die abstrakt und funktional häufig unbestimmt auftretenden Einzelteile werden aufgewertet.

Die der Skulptur eigene Statik wird durch die Veränderbarkeit mit variablen Fugen dynamisiert. Mit der Raumbehauptung der Figur korrespondiert so der Faktor Zeit. Farbigkeit führt die Künstlerin in ihren neusten Arbeiten auf ein subtil gestaffeltes Spektrum an Graustufen und erdigen Tönen zurück. Warteten in den früheren Arbeiten vor allem an den Innenseiten der aufgeklappten Plastiken leuchtende Farben auf den Betrachter, ist das Kolorit nun zurückgenommener. Glasur tritt eher versteckt auf. Bisweilen erscheint ein Hauch von Transparenz neben der dichten Beton- und Keramik-Hülle.

 

Aufgestellt erinnern die gestreckten Rumpfformen an Türme. Das Stapelprinzip wird in die Höhe erweitert. Mit Sockeln und Modulen wie Stockwerke eröffnen die Konstruktionen Assoziationen an konkrete Gebäude, so wie häufig Architektur bei den Arbeiten von Ulrike Möhle mitgedacht werden kann. Aktuell klingt Architektur aber nicht im Sinne von Behausungen an, sondern von Konstruktionen, in denen einzelne Bauteile in einen komplexen, ausbalancierten Zusammenhang gebracht sind und mit der Umgebung korrespondieren. So wie Wassertürme, deren technisches System auf grundlegenden geophysikalischen Gesetzen basiert.

 

Bei allen möglichen Brücken zur Lebenswirklichkeit, zu Gesehenem dominieren aber weiterhin bildhauerische Fragestellungen und elementare Bauprinzipien. Fällt der Blick auf eine Plastik, in der eckige und gewölbte Körper zusammentreffen, könnte sich schnell die Vorstellung eines historischen Turmes einstellen. Schlitze in der Wand sind aber nicht notwendigerweise als Fenster zu verstehen, sondern Chiffren für Öffnung und Einblick, Verweise auf ein sichtbares oder vorstellbares Inneres.

 

 

Ulrike Möhle schafft aus einer Verbindung von formaler Strenge und organischer Anmutung, aus dem Zusammenwirken von Abstand und Empathie sowie mit größter technischer Meisterschaft Plastiken von hohem ästhetischen Reiz und energiereicher Präsenz. Thematisch verweisen Fügungen auf ein Ineinandergreifen und Zusammenwirken von Teilen, aus denen erst ein dynamisches Ganzes entsteht. Form und Funktion – in der Mechanik, im menschlichen Körper und eben auch in der künstlerischen Gestalt – spielen sich zu. So wie der Entstehungsprozess das äußere Erscheinungsbild bestimmt und Öffnungen auf Verborgenes deuten, verweist die Veränderbarkeit der Plastiken auf Bewegung als Wesenskern von Existenz. Die Künstlerin verfolgt mit großer Konsequenz ihre Vorstellungen und Fragestellungen, fügt sich aber in kein starres Konzept. Sie entwickelt ihre Arbeiten aus der Praxis, intuitiv aus dem Experiment, das sie zeichnerisch stützt und protokolliert. Aus der seriellen Erkundung eines Motivs und Themas, aber auch gerade in Übergangsphasen zwischen verschiedenen thematischen Impulsen entwickeln sich neue Formlösungen. Bei allem Sinn für das Spielerische: In der Vorbereitung der konkreten plastischen Form allerdings verfährt die Künstlerin dann äußerst präzise.

 

Ulrike Möhle legt ein Werk vor, das konsequent und stringent ist und zugleich in einer stetern Wandlung begriffen, das schlüssig ist und noch längst nicht am Ende, das noch viel Entwicklungspotenzial bergen dürfte. Die Künstlerin wird sicher selbst noch erfahren, welches Gepäck, welche aus der bisherigen Arbeiten gewonnenen und welche noch gar nicht erkennbaren Module sie mit sich führt. Auch sie wird sicherlich noch von manchen ihrer Arbeiten selbst überrascht werden.

 

 

Der Jury des Kulturpreises darf zu ihrer Entscheidung gratuliert werden. Syke darf sich glücklich schätzen, eine Künstlerin dieses Niveaus am Ort zu wissen. Das Publikum darf sich auf die Ausstellung freuen, die anlässlich der Preisverleihung im Ackerbürgerhaus präsentiert wird.

 

 

 Auf spielerische, unkonventionelle Art und Weise erforscht, analysiert und     ordnet Ulrike Möhle in ihren Arbeiten den Raum, lotet die Möglichkeiten des Materials aus und erschafft dabei spannende und heitere Objekte, die nicht nur durch ihre ästhetische Qualität bestechen sondern auch in ihrer spannungsreichen Struktur zum Nachdenken anregen und die Möglichkeit von persönlichen Deutungen jedem Betrachter offen lassen.

Aus einem Text von Katharina Vatsella, Bremen 26. Juni 2000

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